Anna Reichert

Baur au Lac, Zürich

«Sie sind meine Gäste, nicht meine Freunde»

Das Wasser soll nachgeschenkt werden, das Besteck richtig liegen, das Tischtuch korrekt ausgerichtet sein – ihren Beruf kann Anna Reichert nicht ignorieren, wenn sie privat auswärts isst. «Über eine passende Weinempfehlung freue ich mich sehr, weil es für mich mein kleiner Luxus ist, gut auswärts essen zu gehen», sagt sie. Beruflich geprägt, nimmt sie jeden Fehler sofort wahr, erkennt aber genauso einen guten Service.

Die 24-Jährige arbeitet als Restaurant Supervisor im Hotel Baur au Lac in Zürich. Auf den Wettbewerb hat sie sich intensiv vorbereitet, natürlich vor und nach der Arbeit. Ihr Konzept sei mit der Zeit gereift, erzählt sie, fast täglich seien neue Ideen dazugekommen. Reichert selbst versteht ihre Präsentation als Metapher: Mit der Tischdekoration möchte sie Werte transportieren, die sie im Service begleiten. Dafür hat sie mit Blumen gearbeitet: Dahlien und Rosen als Symbole für Stolz, Dankbarkeit, Wertschätzung und die ewige Liebe zum Beruf. «Diese Werte begleiten mich als Gastgeberin.»

Wegen der Nervosität sei es für sie am Finaltag des marmite youngster eine grosse Herausforderung gewesen, sich sprachlich anzupassen, während am Tisch Zürcherinnen und Deutsche sassen. Reichert selbst stammt aus Bayern, lebt seit zwei Jahren in Zürich und hat täglich mit Gästen aus unterschiedlichen Kulturen zu tun. «Normalerweise passe ich mich dem Dialekt meiner Gäste an, aber heute war ich so nervös, und dann wurde eine wilde Mischung aus Schweizerdeutsch, Bayrisch und Hochdeutsch daraus», sagt sie und muss im Nachhinein über die Situation lachen.

Reichert liess sich im Raum München ausbilden, mit einer Spezialisierung auf Hochzeiten und Bankette. In Zürich wollte sie ins Fine-Dining-Restaurant Pavillon des Baur au Lac, doch ihre Fähigkeiten waren dort im Bankettbereich gefragt. Nach einiger Zeit und wertvollen Erfahrungen bemerkte sie, dass ihr der A-la-carte-Service fehlte. «Ich wollte wieder eine eigene Note in die Gästebetreuung einbringen», erinnert sie sich.

Für die Zukunft wünscht sich Reichert, Restaurantleiterin in einem Grandhotel zu werden. «Mich machen die Arbeit mit Speisen und Weinen, der Gästekontakt und das Leuchten in den Augen der Gäste glücklich.» Langfristig stellt sie sich selbst in der Position der Hoteldirektorin vor – dies allerdings erst, nachdem sie rund um die Welt noch mehr Erfahrungen gesammelt hat.

In Zürich schätzt sie derweil die lebendige und lockere Servicekultur, doch sie selbst möchte ihre eigenen Gäste nicht duzen. «Sie sind meine Gäste, nicht meine Freunde», sagt Reichert, «das gibt mir eine respektvolle Distanz.» Im Luxusbereich angekommen, möchte sie nie mehr etwas anderes. Die hohen Erwartungen fordern sie heraus. Und Reichert will sie immer übertreffen.

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